Fußball-EM: Deutschland wieder im Schland-Fieber

Ab heute ist es wieder soweit. Einen Monat lang ist Deutschland zur Europameisterschaft 2016 wieder im Schland-Fieber: Die Fanmeilen werden eröffnet, Autofahrer werden so viele kleine Fahnen wie möglich ans Fahrzeug klatschen und aus dem Fenster wird voller Stolz die Deutschlandfahne gehangen. Für einen Monat, dann ist die EM in Frankreich wieder zur Ende. Bis aber der Europameister gekürt wurde, ist jeder plötzlich ein hartgesottener Fußball-Fan, der sich ja eigentlich schon immer irgendwie für Fußball interessiert hat und ganz genau weiß, warum Gomez im Sturm spielt oder wieso Jogi Löw den Bastian Schweinsteiger besser nicht spielen lassen sollte.

Ich habe nur ein paar Fragen an den Großteil der schwarz-rot-goldenen Blümchenkettenträger mit ihren Irokesen-Perücken und aufgemalten Deutschlandflaggen im Gesicht:

Steht ihr um 5 Uhr morgens auf, rennt zum Zug, hofft dass er püntklich ankommt, um euch rechtzeitig zum Spiel eures Vereins in irgendeinem Stadion in der 2. Liga zu bringen?

Geht ihr auch bei minus 10 Grad ins halbleere Stadion, wo das Bier bereits nach wenigen Minuten zugefroren ist, ihr eine 0:3 Klatsche eurer Mannschaft mit ansehen müsst und ihr danach höchstwahrscheinlich mit einer dicken Erkältung nach Hause fahrt?

Kennt ihr die Leere, die Wut, den Frust, der sich ausbreitet, wenn euer Verein absteigt und ihr der anderen Mannschaft beim Feiern zuschauen müsst?

Habt ihr mal mit 200 anderen Leuten in einem Auswärtsblock im tiefsten Osteuropa, tausende Kilometer von der heimischen Fanmeile entfernt, gestanden und dafür Urlaub genommen oder euch kurzerhand einfach krankschreiben lassen?

Nein, denn ihr geht dann lieber mit dem Hund aus, seid beim Geburtstag eurer Tante oder „feiert“ in irgendwelchen Clubs, damit euch nicht langweilig wird. Nie im Leben würdet ihr auf die Idee kommen im tiefsten Schneetreiben fünf Stunden zu einem Auswärtsspiel nach Freiburg zu fahren, wo vielleicht der 11. gegen den 12. spielt. Keine KO-Runde, kein Glamourfaktor, keine Partymeile.

Nein, denn euch geht es um das gemeinsame Event, ihr seid bequem, ihr möchtet feiern gehen. Feiern und Fußball? Das lässt sich doch gut verbinden. Hauptsache lustige Brillen und Perücken, alles natürlich möglichst in schwarz rot gold. Statt in die örtliche Dorfdisco geht ihr halt einfach zum Public Viewing. Nicht weil ihr euch groß für Fußball interessiert, ok ihr findet vielleicht den Podolski ganz lustig. Nein, ihr geht zum Public Viewing, weil alle dort hingehen. Nicht aus tiefverwurzelter Leidenschaft, sondern weil es in Mode ist, ihr schon jeden Film im Kino kennt, jeden ranzigen Club in der Stadt und ihr sonst nichts mit euch anzufangen wisst.

Bezeichnend ist, dass der Tod von Trainer Sascha Lewandowski, der am Burnout-Syndrom erkrankt war und das Traineramt bei Union Berlin im März 2016 freiwillig aufgab, am gestrigen Tag gefühlt eine halbe Stunde in den Nachrichten vertreten war. Den restlichen Tag wurde dafür über den neuen TV-Vertrag berichtet, den die Deutsche Fußball-Liga mit den TV-Sendern ausgehandelt hat: Pro Saison erhalten die 36 Profiteams jetzt 1,159 Milliarden Euro. Insgesamt also 4,46 Milliarden Euro. Regionalligist Rot-Weiß Oberhausen hat einen passenden Kommentar auf Facebook über die momentane Situation im Profifußball geschrieben, der bereits zehntausendfach verbreitet wurde. Darin heißt es:

„Der Fußball täte gut daran wieder zurück zur Menschlichkeit zu finden. Über den Tellerrand zu schauen. Nicht nach dem nächsten Rekord, dem nächsten Erfolg, den nächsten Milliarden zu streben und das ohne Rücksicht auf Verluste. Fußball – das roch mal nach Bier und Bratwurst, heute riecht es nach Champagner und Geldscheinen. Auch schon in der Regionalliga…“.

 

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